88. Int. Lauberhornrennen 12.-14. Januar 2018
Wengen

DER SCHICKSALSBERG

Der schlimmste Tag in der Geschichte des Lauberhornrennen…

18. Januar 1991. Das Qualifikationstraining verläuft nicht anders als ein gewöhnliches Abschlusstraining. Alle 15 Fahrer der Gruppe 1 qualifizieren sich problemlos für das Rennen. Einziges „Opfer“: Patrick Ortlieb, im Training stets bei den Schnellsten, stürzt oberhalb des Hundschopfs.

Die Stimmung im Ziel ist locker, die Fahrer geben Interviews. Noch stehen ein paar gefährliche Konkurrenten am Start. Zu ihnen gehört Gernot Reinstadler, einer der jungen Österreicher, die den Etablierten einheizen wollen. Der Sohn der Rennfahrerin Traudl Eder ist noch keine 21 und gilt als grosses Talent.

Es folgt der Augenblick, den niemand, der im Zielraum auf das Ende des Rennens wartet, aus seiner Erinnerung wird löschen können. Reinstadler verkantet im Ziel-S und fliegt ungebremst ins Sicherheitsnetz. Dort passiert, was sich niemand in schlimmsten Alpträumen hätte vorstellen können. Reinstadler bleibt mit einer Skispitze hängen. Dabei reisst ihm förmlich der Unterleib auf. Er hinterlässt eine breite Blutspur, bis er zum Stillstand kommt.

Der Schock sitzt tief. Kaum jemand wagt noch hinzuschauen. Nach kurzer Zeit ist Rennarzt Bruno Durrer, ein in vielen Bergrettungen erprobter Arzt, beim Opfer. Der Verletzte wird umgehend ins Spital von Interlaken geflogen. Bis 20 Uhr, so wird später gemeldet, habe er 35 Liter Blut verloren.

Kurz vor 1 Uhr morgens erhält Fredy Fuchs von Professor Paul Günter aus Interlaken den Anruf, vor dem er sich so sehr gefürchtet hat. Gernot Reinstadler ist um 0 Uhr 43 nach sechsstündiger Operation an den Folgen der starken Blutungen im Bereich des Beckens gestorben.

Es folgen Diskussionen über das weitere Vorgehen. Absage der Rennen, ja oder nein. Um halb fünf fällt die Entscheidung. Absage. Es ist ein Entscheid, der von allen, die nicht mit entschieden haben und doch in der Verantwortung stehen, mitgetragen wird. FIS, SSV und das OK Lauberhorn erklären die Absage in einem gemeinsamen Kommuniqué und sprechen den Angehörigen Reinstadlers und der österreichischen Mannschaft ihr Beileid aus.

Beim Lauberhornrennen 1992 überreicht der ÖSV-Direktor Leitner den Wengenern einen Kristall – aus Dankbarkeit dafür, dass das Rennen zu Ehren von Gernot Reinstadler und dessen Familie abgesagt worden ist. Auch von den leidgeprüften Angehörigen erhalten die Veranstalter nie den leisesten Vorwurf. Mitglieder der Familie besuchen Wengen und Viktor Gertsch ist jährlich einmal bei Reinstadlers im Pitztal zu Gast und legt Blumen aufs Grab.

An den tragischen Unfall erinnert sei 1992 eine Gedenktafel am Zielhaus, bei deren Enthüllung die Familie Reinstadler, eine Delegation aus deren Wohnort und der Pfarrer aus dem Pitztal anwesend waren.